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Projekt Highlight

Von der Olympiaregion zum Nordkap

"Amerika und Kanada ade - Europa ich komme!"

2019 war ein ganz besonderes Jahr: Erstmals führte mich meine Radreise durch ein großes Stück durch jenen Kontinent, auf dem ich auch lebe. Ich durfte ein außergewöhnliches Abenteuer erleben …

Streckenverlauf

4.520 Kilometer, 35.250 Höhenmeter bergauf

Olympiaregion bis Nordkap:
Start 04. Juli 2019, Ziel 31. Juli 2019, 23 Tage am Rad, Rest Pausentage

 

Nordkap bis Kiel:
Start 01. August 2019, Ziel 14. August 2019, 12 Tage am Rad, Rest Pausentage

Als ich erstmals auf einer meiner langen Radreisen direkt vor meiner Wohnung auf das Rad stieg, ohne vorher um die halbe Welt geflogen zu sein

Die netten und besonders hilfsbereiten Menschen in unserem deutschen Nachbarland, das Radeln in den dortigen Naturparks und das Ankommen im Hamburger Hafen nach erfolgter Deutschland-Durchquerung

Die „unwirkliche“ Steinwüste am nördlichsten Punkt Europas, wo ich das Gefühl hatte, am Mond zu sein

Der letzte Anstieg hinauf zum Hochplateau des Nordkaps. Ich musste mit letzter Kraft gegen den stürmischen Wind ankämpfen. Als dann das einsam in einer Steinwüste stehende Gebäude am nördlichsten Punkt Europas immer größer wurde, war mir bewusst: „Ich habe es geschafft!“

Von der Olympiaregion zum Nordkap

Meine bisher schönste Reise: Mit dem Fahrrad in das grandiose Land der Wickinger

Es war ein ganz besonderes Gefühl, direkt vor meiner Haustüre in Seefeld auf das voll bepackte Rad zu steigen, um mein nächstes Abenteuer zu beginnen. Das Ziel: Nordkap! Schon beim Aussprechen dieses Namens während meiner Vorbereitungen stieg tiefe Fernsucht in mir auf. Dann ging es los. Am 04. Juli diesen Jahres um 06:30 Uhr machte ich meine ersten Pedalumdrehungen. Und schon nach wenigen Kilometern befand ich mich wieder im „Radreise-Flow“. Mein insgesamt sechstes großes Projekt hatte begonnen. Vor mir lagen mehr als 4.000 aufregende Kilometer.

 

 

Durch mein Nachbarland Deutschland Richtung Norwegen

Die ersten 10 Tage durfte ich Deutschland genießen. Ab Garmisch führte mein Weg über verschiedene Landstraßen immer weiter Richtung Norden. Ohne einen besonderen Streckenplan orientierte ich mich hauptsächlich an den kleineren Gemeinden im Hinterland. Dabei lernte ich erstmals mein Nachbarland besser kennen. Nicht nur die vielen kleinen Orte hatten etwas sehr Liebevolles an sich, sondern auch die Begegnungen mit den Einheimischen waren herzlich und nett. Wann immer ich Hilfe benötigte – ich bekam sie problemlos. Großes Glück hatte ich mit dem Wetter und so konnte ich die vielen Felder, Wälder und Seen in den Naturparks, oder die für einen Radfahrer nicht unbedeutenden Hügellandschaften noch mehr genießen. Wer glaubt, bei unseren Nachbarn ist es nur flach, der irrt gewaltig. Auf meinen täglichen etwa 150 km strampelte ich zusätzlich etwa 1.000 Höhenmeter bergauf. Resümee: Deutschland überraschte mich in jeder Hinsicht positiv.

In Kiel ging es dann mit der Fähre bis nach Oslo. Dort begegnete ich mehreren Radreisenden die dasselbe Ziel wie ich im Auge hatten. 24 Stunden Fahrt auf der Nordsee bescherten mir den notwendigen Pausentag zum Erholen. Als ich in Oslo an Land ging, fühlte ich mich erholt und sofort spürte ich das norwegische Flair des „Wickinger-Staates“. Nun lag ein riesengroßes Land vor mir. 

Norwegen war für mich von Anfang an das „Radfahrer Paradies“. Schon auf dem ersten Teil, den knapp 700 km von Oslo nach Trondheim, spürte ich Freiheit und Abenteuer pur. Ich radelte durch riesige Waldgebiete, sanfte Hochplateaus und Landschaften, die so schön waren, dass es mir den Atem raubte. Die anderen Verkehrsteilnehmer, allen voran die Truck-Lenker, waren freundlich und rücksichtsvoll. Es gab kein einziges nerviges Hupen, obwohl ich nicht immer nur auf Nebenstraßen fuhr. Mein Zelt baute ich einfach an einen der vielen wunderschönen Plätze auf und saß am Abend „fußfrei in erster Reihe“ mit grandiosem Ausblick in die tiefe Natur.

In Trondheim sah ich erstmals, wie riesengroß die norwegischen Fjorde sein können. Entlang des Trondheimsfjords ging es weiter immer Richtung Norden. Nächstes größeres Ziel: Der Polarkreis.

 

 

Polarkreis

Auf dem Weg zur gedachten Linie von 23 Grad, 26 Minuten und 5 Sekunden, wurde es immer einsamer. Aber nicht weniger atemberaubend. In den meist weit auseinanderliegenden Orten entdeckte ich viele niedlich wirkende Häuser in ihrer charakteristischen roten Farbe, dem so genannten „Falun Rot“. Einig der Orte hatten Leuchttürme, da sie direkt an einem Fjord standen. Oft radelte ich stundenlang gedankenverloren dahin, ohne einen Menschen oder ein anderes Fahrzeug zu sehen. Es ging durch Nationalparks und ich fuhr neben Eisenbahntrassen, die sich Richtung Mo i Rana schlängelten. Leider traf ich hier auch auf meinen neuen Begleiter, der mir bis hinauf zum Nordkap treu bleiben würde: den Wind. Je weiter ich nach Norden kam, desto mehr blies er mir von der Seite oder von vorne ins Gesicht. Das Erreichen des Polarkreises mit reiner Muskelkraft war dann schon etwas Besonderes für mich. Ich war dankbar und ein wenig demütig, bis hierher gekommen zu sein. Leider musste ich aber auch mitansehen, wie sehr hier an dieser, einer Mondlandschaft ähnelnden Gegend, die Souvenirindustrie und Touristen das Bild prägten. Trotzdem: Für mich landschaftlich ein Highlight. 

 

 

Immer weiter nördlich: Durch den Nordkap-Tunnel Richtung Ziel

Nun ging die Sonne auch in der Nacht nicht mehr unter. Auf meiner weiteren Fahrt Richtung Norden blieb es immer hell. Ich konnte längere Distanzen zurücklegen, aber es wurde auch immer mühsamer. Ständig ging es bergauf und bergab, es war kühl und weiterhin quälte mich der Wind. Dafür wurde ich weiterhin von einer außergewöhnlich schönen Landschaft belohnt. Zudem begleiteten mich nun immer mehr Rentiere, die abschnittsweise sogar neben meinem Fahrrad herliefen. Ich musste gut vorausplanen, denn die Nachschubmöglichkeiten wurden rar und meine Nächte verbrachte ich meist unter sternenklarem Himmel mit Blick auf irgendeinen der vielen Fjorde. Und irgendwann stand ich vor einem schier unüberbrückbaren Bergkamm.

Wie ein riesiges offenes Maul lag vor mir die Einfahrt zum Nordkap-Tunnel. Für mich die einzige Möglichkeit, über Landweg mit dem Rad auf die Insel Mageroya zu gelangen, auf deren nördlichster Spitze mein Ziel liegt. Andere Radfahrer hatten mir nicht gerade Gutes über die 6,8 km lange und 212 m unter dem Meeresspiegel verlaufende Röhre erzählt. Ausgestattet mit zwei zusätzlichen Lagen Oberbekleidung, Mütze und Ohrenschutz ging es hinein in das schwarze Loch. Sofort empfing mich ohrenbetäubender Lärm, den die vielen Lüftungsventilatoren verursachten. Es war kalt, dunkel und orkanartiger Wind blies mir ins Gesicht. Ab der Hälfte des Tunnels ging es mit 11% knackiger Steigung auch noch richtig zur Sache. Auto begegneten mir keine, aber die Strecke war richtig gruselig und kurz vor dem Ende fühlte ich mich derart fertig, dass ich sogar noch ein Stück schieben musste. Gleich anschließend radelte ich abermals für 4,5 km hinein unter den Berg. Gottseidank lag auf der anderen Seite des Tunnels der letzte Ort auf meiner Reise: Honningsvag, das nördlichste Fischerdorf Europas. Noch einmal füllte ich dort die Satteltaschen mit frischen Lebensmitteln. Und dann machte ich mich schwer beladen auf die finalen 35 km. Beim Anstieg hinauf auf das Hochplateau, das wie eine Mondlandschaft wirkte, riss mich der Wind fast vom Rad. Nur im Stehen schaffte ich gerade noch ein Vorwärtskommen. Überall entdeckte ich Rentiere und streckenweise liefen sie sogar neben mir her. 

 

Endlich am heiß ersehnten Ziel: Nordkap

 

Nach einer gefühlten Ewigkeit bergauf radeln und „Kampf gegen den Wind“ entdeckte ich plötzlich in der Ferne, mitten in der öden Geröllhalde, einen riesigen Komplex. Mit jeder Pedalumdrehung kam ich meinem großen Ziel nun immer näher. Nach einer letzten Kraftanstrengung war ich endlich da: Am Nordkap! 71° 10´16´´geografische Breite, 25° 47´1´´ östliche Länge, geografisch im Lappland gelegen, politisch in Norwegen. Obwohl die Gegend hier nur ein kahles, weitläufiges Hochplateau aus Steinen und Felsen ist, hatte das Kap mit seiner 300 m steil abfallenden Felswand in das Meer für mich etwas Mystisches. Nicht umsonst war diese Nordkapklippe in vorchristlicher Zeit ein heiliger Ort der Sami. Bitter kalter Wind wehte mir um die Ohren, tief unter mir tobte das Meer im Sturm. Ich musste lange darauf warten, bis ich zwischen den Massen von Touristen endlich meine ersehnten Fotos am berühmten Monument mit der stählernen Weltkugel machen konnte. 

Spät am Abend, nachdem ich mein Zelt mitten in der Geröllhalde aufgestellt hatte, lag ich müde, aber zufrieden und auch ein wenig stolz in meinem Schlafsack. Während draußen der Sturm am Zelt riss, lies ich nochmals die letzten Wochen Revue passieren. Ich war tief dankbar dafür, dass ich diese Reise machen durfte. Eine ganz besonderes Radreise von der Olympiaregion zum Nordkap