Meine 4. "Reise: "Burn-out: Tiefer Fall und neues Leben"

2012 bis 2014: Von ganz unten langsam wieder nach oben

Mein Zusammenbruch im tiefsten Kanada war nur der berühmte Wassertropfen, der das Glas endgültig zum Überlaufen brachte. Gleichzeitig war es auch der Startschuss zu einem komplett neuen Lebensabschnitt ...

Nicht diese Radreise an sich hatte mich in die Knie gezwungen, sondern die Summe vieler prägender Ereignisse seit meiner frühesten Kindheit. Der jahrelange, ständige Druck als Leistungssportler, über 30 Jahre Polizeidienst, tragische Einsätze in meinem Notarzthubschrauber und vieles mehr - das konnte auf Dauer nicht gut gehen!

Als ich am Alaska Highway vom Fahrrad steigen musste, war mir bewusst, dass ich nun an einem Scheideweg angelangt war. Vor allem aber spürte ich, dass ich dringend fachliche Hilfe benötigte.
Und dann kam es "knüppeldick": Ich stürzte ab und bin ganz tief gefallen. Innerhalb weniger Wochen verlor ich alles, was mir wichtig war. Nicht nur meine Gesundheit, sondern auch meine Familie und alles, was mir sonst noch lieb war. Für mich besonders hart: Meine damalige Ehefrau hielt in meiner größten Not nicht zu mir. Mein Körper und – noch viel schlimmer – meine Psyche waren am Ende. Ich überlebte diese Krise nur um Haaresbreite. Und nur deshalb, weil ich Hilfe erhalten und diese auch angenommen habe. Mein Weg aus der tiefen Schlucht hinauf zum Berggipfel war jedoch mehr als steinig. Die vielen Wochen im Krankenhaus, die Therapien, das Aufarbeiten aller meiner noch offenen "Baustellen" - zumTeil war es wirklich grenzwertig. Aber ich habe es geschafft, mein weiteres Leben zumindest in eine andere Richtung zu steuern …

Fortsetzung

Um aus der Wildnis Yukons nach Hause zu kommen, musste ich meine gesamte Radausrüstung zurücklassen. Nur ohne schweres Gepäck nahm mich ein kleines Flugzeug zum nächsten größeren Flughafen mit. Anschließend benötigte ich weitere vier Tage und mehrere Umsteigestationen, auf denen ich oft stundenlang warten musste, bis ich wieder in Tirol war. Daheim angelangt, fand ich mich nicht einmal mehr in meinem eigenen Haus zurecht. Da meine Frau aus beruflichen Gründen nicht zu Hause war, war ich vorerst ganz auf mich alleine gestellt. Ich konnte mir meine Schuhe nicht mehr alleine aus- und anziehen, und es gelang mir nicht, selbständig ein Butterbrot herzurichten. Nun wurde mir nochmals drastisch vor Augen geführt, wie dringend ich wirklich fachliche Hilfe benötigte. Durch meine Beziehungen zur Flugrettung und auch durch ein wenig Glück, erhielt ich umgehend einen Platz im Krankenhaus in Hall in Tirol. Ich schäme mich heute nicht zu sagen, dass dort die offene, psychiatrische Abteilung für die folgenden 13 Wochen mein Schutzbunker wurde. Ich wurde rund um die Uhr betreut, konnte mich dadurch fallenlassen und meinem Körper eine komplette Auszeit gönnen.

Nach gründlichen Untersuchungen erhielt ich erstmals eine genaue Diagnose: schwere Überlastungsdepression oder zu neudeutsch: Burn-out.

Nun hatte mein Absturz plötzlich einen Namen. Schon oft hatte ich in den letzten Jahren von diesem Begriff gehört. Aber zu tun hatte ich selbst nie damit. Jetzt befand ich mich mitten im Chaos. Vor allem in der Anfangsphase war eine medikamentöse Unterstützung unumgänglich, da ich weder essen noch schlafen konnte. In kürzester Zeit nahm ich über 10 Kilogramm ab und lag nächtelang grübelnd wach. Während meines Krankenhausaufenthaltes musste ich wieder grundlegende Dinge lernen: Barfußgehen, Bäume und Blumen berühren, Steintürme bauen … Jeden Morgen stand ein gemeinsamer Spaziergang auf dem Programm. Alkoholiker, Suizidgefährdete und Burn-out-Erkrankte nahmen gemeinsam, mehr oder weniger motiviert, an diesem sowie vielen anderen Pflichtprogrammen, teil.

 

Neben der medikamentösen Unterstützung bekam ich Hilfe von einem ganz besonderen Menschen: Bereits von Yukon aus hatte ich eine klinische Psychologin kontaktiert, die mir schon einmal in früherer Zeit geholfen hatte. Petra wurde meine eigentliche Lebensretterin. Sie fing mich nach meiner Rückkehr auf und führte mich mit großer fachlicher Kompetenz und ihrer feinfühligen Art in den kommenden Monaten durch meine Krise. Vor allem in der Anfangsphase half sie mir, jeden einzelnen Tag zu überstehen. In vielen Therapiestunden arbeiteten wir zunächst die vielen negativen Erlebnisse meiner Kindheit auf, in die auch der frühe Tod meiner geliebten Mutter gefallen ist. Meine 20 Jahre als Leistungssportler mit dem permanenten psychischen Druck und Raubbau an meinem eigenen Körper waren ebenso Thema wie die versteckten Traumata bei vielen Einsätzen mit dem Rettungshubschrauber oder meine mehr als 30 Jahre im Polizeidienst. Meine Therapeutin gab mir wieder Struktur im Leben. Unter ihrer Aufsicht machte ich Schritt für Schritt und setzte neue Ziele.

 

Gerade in der Genesungsphase eines Burn-out ist eine stabile soziale Struktur von besonderer Wichtigkeit, vor allem der Halt in der eigenen Familie. Leider war mir dieser Halt nicht vergönnt. Nach zwei Kurzbesuchen meiner Ehefrau zu Beginn meines Krankenhausaufenthaltes habe ich diese in den darauffolgenden Wochen im Krankenhaus nicht mehr gesehen. Noch während meiner weiteren medizinischen Versorgung wurden mir von ihr die Scheidungspapiere vorgelegt. Nach einer - aus meiner Sicht - glücklichen Ehe, aus der mein Sonnenschein Jacob stammt, stand ich plötzlich auf der Straße. Rückblickend muss ich sagen, dass natürlich immer zwei dazugehören, wenn eine Ehe in die Brüche geht.
Ab diesem Zeitpunkt hatte ich neben meiner Krankheit also auch noch die Trennung von meiner Familie zu verarbeiten. Damals bin ich tatsächlich an meiner absoluten Grenze angelangt. Es hat ganz viele Stunden gegeben, da habe ich geglaubt, dies nicht zu verkraften.

 

Doch kurze Zeit später erhielt ich noch einmal eine große Chance: Ich lernte Simone kennen. Sie hat mir damals zwei ganz wichtige Dinge geschenkt: ehrliche Anteilnahme und viel Zeit. Ich kannte Simone schon vor meiner Ehe, da ich vor Jahren in einer sehr traurigen Situation dienstlich mit ihr zu tun hatte: Simone musste damals einen großen Schicksalsschlag hinnehmen. Ihr Ehemann war jung und völlig unerwartet an einem plötzlichen Herztod gestorben. Simone stand von einem Tag auf den anderen mit zwei kleinen Kindern und einem halb fertig gebauten Haus alleine da. Trotzdem hat sie ihr Leben und das ihrer beiden Kindern bisher super gemeistert. Ich persönlich habe bis heute niemanden kennen gelernt, der so hart kämpfen musste und gleichzeitig trotzdem so positiv und strahlend durch das Leben geht. Sie ist hinsichtlich positiver Lebenseinstellung mein größtes Vorbild geworden.

 

Während meiner Therapiezeit haben sich aber auch ganz andere, neue Türen geöffnet. Ich bin in die Welt des Yoga eingetaucht und beschäftigte mich während zweier mehrwöchiger Aufenthalte im Sonnenpark in Lans in Tirol - einem speziellen Zentrum für psychosoziale Gesundheit - mit Musik und Malerei. Dort nahm ich auch den früheren Plan wieder auf, ein Buch über meine Radreisen zu schreiben. Dieses Vorhaben endlich zu realisieren, war ein wichtiger Teil meiner Verarbeitung. Nach mehreren Monaten Therapie begann auch wieder mein Weg zurück in das Berufsleben. Bevor ich meinen ersten Dienst bei der Polizei absolvieren konnte, erfolgten aber noch umfangreiche Untersuchungen. Auch konnte ich erst nach einem intensiven Auswahlverfahren wieder in den Rettungshelikopter des österreichischen Flugrettungsunternehmens ÖAMTC steigen. Ein weiterer wichtiger Baustein zu meiner Genesung war auch eine regelmäßige leichte, sportliche Tätigkeit.

 

Mittlerweile sind mehr als drei Jahre seit meinem Zusammenbruch vergangen. Ich sitze wieder im Streifenwagen der Polizei und steige mit Freude in den Rettungshelikopter, wenn der Alarm schrillt. Damals in Alaska habe ich die richtige Wahl getroffen: Vom Rad abzusteigen und Hilfe anzunehmen. Aus meinen früheren Fehlern habe ich (vieles) gelernt und hoffe, diese nicht zu wiederholen. Einiges muss ich jedoch noch lernen, denn alte Muster schleichen sich natürlich immer wieder ein.

 

Ach ja, und noch etwas hat sich getan: ich habe wieder vorsichtig mit dem Trainieren begonnen und die ersten Kilometer mit meinem Fahrrad hinter mir. Sie führen mich stetig zu meinem nächsten großen Ziel, von dem ich in letzter Zeit immer mehr träume: Ich würde gerne meine abgebrochene Reise zu Ende führen und genau an jener Stelle wieder auf mein Fahrrad steigen, an der ich damals abgestiegen bin und an der mir "mein" Wolf den Weg in mein neues Leben gezeigt hat …

"Streckenverlauf"

Dawson Creek (Canada); Hall in Tirol (Krankenhaus), Seefeld in Tirol (Neustart)

"Entfernung"

Unendlich weit …

"Dauer"

6 Monate bis Ende Krankenstand, gesamt 2 ganze Jahre bis zur vollen Genesung

Besondere "Streckenabschnitte"

Die 3 (freiwilligen) Monate in der offenen Psychiatrie im Krankenhaus in Hall in Tirol und die weiteren Monate der intensiven Therapie …

Besondere Erlebnisse

Ein ganz besonderes "Erlebnis" war für mich die Erkenntnis, dass sich in schlechten Zeiten sehr schnell die Spreu vom Weizen trennt - will sagen: gute Freunde rücken zusammen, alle anderen verliert man in/mit der Zeit

Schönster Augenblick der Reise

Als ich nach mehreren Monaten Therapie meinen Liebling Jacob wieder in meine Arme schliessen konnte!

Impressionen der Reise

Thomas Widerin Radreisen - Burnout
MeinGlücksbringer
Thomas Widerin Radreisen - Burnout
Immer dabei:Wolf
Thomas Widerin Radreisen - Burnout
Mein Sonnenschein
Thomas Widerin Radreisen - Burnout
Herzschmerzen
Thomas Widerin Radreisen - Burnout
Weite
Thomas Widerin Radreisen - Burnout
Körpercheck
Thomas Widerin Radreisen - Burnout
Einmal zufrieden
Thomas Widerin Radreisen - Burnout
Kälte und Wärme
Thomas Widerin Radreisen - Burnout
Sicher im Leben?
Thomas Widerin Radreisen - Burnout
Nachdenken
 
 

Mein erstes Buch

ÖAMTC Flugrettung